Zeitzeugen

Zwischen der großen Bühne der Politik und den kleinen Geschichten des Alltags finden sich allerlei Zeugen, die selbst Spuren in der Zeit hinterlassen haben. Eine willkürliche Auswahl an Personen und Institutionen, die im Verlauf der Recherchen aus ganz unterschiedlichen Gründen aufgefallen sind:

Künstler

Das nächtliche Arbeiten an der Mauer, zumeist im Schein von Taschenlampen, war nicht ganz ungefährlich. Nicht so sehr, weil es verboten war, sondern vielmehr, weil ein schmaler Streifen vor der Mauer bereits Hoheitsgebiet der DDR war, die Mauer selbst Eigentum der DDR. Man musste also ständig damit rechnen, dass ein Wachtposten durch eine der kleinen Mauertüren kam, oben drüber schaute oder man sonst wie bedroht wurde.

Thierry Noir

Berlin Wall Thierry Noir

Mit freundlicher Genehmigung von © Thierry Noir

Nase, Lippen, Glubschauge, buntes Profilbild – das sind die Arbeiten von Thierry Noir, die noch heute an der East-Side-Gallery zu sehen sind. Noir, gebürtiger Franzose, lebte seit den 1980er Jahren in Kreuzberg, angezogen von der einzigartigen Aura dieser Zeit, dem Kreuzberger Dasein im Schatten der Mauer. Im Laufe der Jahre hat er etliche Meter Mauer bemalt. Den Kreuzbergern hat’s nicht immer gefallen, mehrfach musste er seine eigenen Werke restaurieren. Und am Ende tatenlos zusehen, wie diese zusammen mit den Mauersegmenten für atemberaubende Summen verkauft wurden. Letztlich aber hat sich Noir gemeinsam mit anderen Mauerkünstlern, denen es ähnlich erging, seinen Anteil am Erlös gerichtlich erstritten.

 

Kiddy Citny

Der gebürtige Bremer kam Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre nach Berlin. Die Szene war klein, erst recht die der Mauermaler. Man kannte sich. Die Mauer mit seiner und der Arbeit von Freunden war 1987 Kulisse im Film Himmel über Berlin von Wim Wenders. Nach dem Fall der Mauer gelangten Kiddy Citnys Arbeiten in internationale Kunstgalerien. Die LIMEX veräußerte Mauersegmente mit seinen Arbeiten für viel Geld u.a. an das Museum of Modern Art in New York. Als Citny seinen Anteil daran einklagte, sprach die LIMEX von Sachbeschädigung. Die Sache ging trotzdem gut für ihn aus.

Jürgen Grosse aka Indiano

Weltschmerzlyrik nannte die taz 2007 die global messages von Jürgen Grosse. Der Ex-ostdeutsche Kunstmaler ist 1956 nach Westdeutschland gegangen, Anfang der 1980er Jahre hat er begonnen, sich auf der Mauer zu verewigen. 1989/1990 führte eine Wette zu einer Marathonaktion: Innerhalb von nur sieben Monaten hat er 223 Mauersegmente bemalt. Aus dieser Zeit stammen auch die global messages, die mit zur hohen Attraktivität einzelner Mauersegmente beigetragen haben und noch heute an einigen Orten der Welt zu sehen sind.

Daniel Boulogne

Kaum war die Grenze geöffnet, kamen Ostberliner auf die Idee, auch ihre Seite der Mauer zu bemalen. Das sprach sich schnell herum und drang bis nach Paris zu Daniel Boulogne vor. Dort raffte der Künstler eiligst zwei Tonnen Farbe und Pinsel zusammen und machte sich damit auf den Weg nach Berlin, den ostdeutschen Künstlerverband bei dieser Aktion zu unterstützen.
Zunächst traf Boulogne allerdings auf unerwarteten Widerstand, denn der Übertritt an der innerdeutschen Grenze war keineswegs selbstverständlich, mit zwei Tonnen Farbe im Laderaum schon gleich gar nicht.
Nach einigen unschönen Verzögerungen begann die Aktion schließlich am Potsdamer Platz und zog sich die Leipziger Straße runter. Am Nachmittag aber wurde die Aktion von DDR Grenzpolizisten gesprengt, in dem diese die Aktivisten aufforderten, die Arbeiten unverzüglich einzustellen. Da die meisten Künstler ohnehin mit ihrem Werk fertig waren, war die Aktion damit beendet – zumindest für die Künstler.
Die GrePos hatten aber noch einen Befehl auszuführen: In einer Nacht- und Nebelaktion übertünchten sie die gerade entstandenen Werke mit weißer Farbe. Diese war allerdings so schlecht, dass kurz darauf die Kunstwerke wieder zum Vorschein kamen.
Als der Abschnitt später abgerissen wurde, sicherte sich Boulogne zwei Segmente daraus und vermachte sie dem Mémorial de Caen in der Normandie. Zu sehen ist darauf Hase bleibt Hase, ein Werk des ostdeutschen Künstlers und Gastdozenten an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Manfred Butzmann.

Dennis Kaun aka Kaos

Von ihm stammt das Graffito Kings of Freedom, das über vier Segmente reicht. Diese Segmente wurden von Robert Hefner III. für seine Hefner Collection gekauft und zunächst in Oklahoma ausgestellt, anschließend vermutlich in Aspen, auf jeden Fall in Singapur, ehe Hefner sie mitnahm an seinen Ruhesitz in Virginia.
Der Verkaufspreis lag angeblich im oberen sechsstelligen Bereich. Ob und welchen Anteil Kaos davon erhalten hat, der maßgeblich zum Wert der Mauersegmente beigetragen hat, ist nicht bekannt.
In den 80er Jahren zählte Dennis Kaos Kaun zu den auch international bekannteren Mauerkünstlern. Später tauschte er die Farbdosen gegen Turntables und ist heute als DJ unterwegs.

Kani Alavi

Der deutsch-iranische Künstler Kani Alavi hat sich große Anerkennung für seine Arbeit an und für die East Side Gallery verdient und wurde 2011 dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Alavi ist Vorsitzender der Künstlerinitiative East Side Gallery.
Die East Side Gallery hat im Oktober 2008 mit Geldern von der Deutschen Klassenlotterie und aus öffentlichen Töpfen mit der Sanierung des Mauerstreifens begonnen.
Alavi war einer der ersten Künstler, die 1990 an der Mühlenstraße ans Werk gingen: Die East Side Gallery, die größte Freiluftgalerie der Welt, kam mit seinen und den Arbeiten vieler anderer zu Weltruhm. Von Alavi stammt auch das Kunstwerk auf dem Mauersegment, das Kofi Annan erhielt und heute vor den Vereinten Nationen in New York steht.

Dimitri Vrubel

Maler, Mitwirkender an der East Side Gallery. Hat im Frühjahr 1990 das Bild Bruderkuss (Breschnew/Honecker) aufgetragen, wenige Monate nach der Öffnung der Mauer. Mit ihm bepinselten 117 weitere Künstler aus 21 Ländern den 1.316 Meter langen Mauerabschnitt in der Mühlenstraße parallel zur Spree zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke. Auf 106 großformatigen Wandbildern stellen sie ihre Sicht des Umbruchs der Jahre 1989/90 dar. Wenige Tage nach der Eröffnung der East Side Gallery, am 28. September 1990, hörte die DDR auf zu existieren.

Ludwik Wasecki

Der in Berlin lebende und praktizierende Zahnarzt ist durch seine Kunst aufgefallen: Unmittelbar nach dem Mauerfall begann er mit seinen monumentalen Kunstwerken und Installationen aus Mauernachbildungen auf einer Weide in Polen. Schnell kam eines zum anderen und Ludwik Wasecki zu rund 50 original Mauersegmenten. Seine Werke, die er daraus schuf, fanden große Beachtung, einige gingen auf Tournee und wurden auch im Ausland ausgestellt.

Edwina Sandys

In einer Rede am Westminster College in Fulton, Missouri, prägte Winston Churchill 1946 den Begriff des Eisernen Vorhangs. Als sich dieser hob, plante die New Yorker Künstlerin Edwina Sandys ein Denk- und Mahnmal an diesem historischen Ort zu installieren.
Sandys, Enkelin von Winston Churchill, wandte sich mit dieser Projektidee an die noch amtierende DDR-Regierung und erhielt wohlwollend 1990 acht Segmente geschenkt, aus denen sie ihr Kunstwerk Breakthrough formte. Ein weiteres Mauerwerk von ihr ist in Poughkeepsie im Bundesstaat New York zu sehen.

Abreisser

Hagen Koch

Der Kulturwissenschaftler Hagen Koch ist vermutlich der akribischste Mauer-Dokumentarist. Kein Wunder, denn er hat schließlich eine sehr individuelle Beziehung zum Grenzwall: Koch wurde 1940 in Dessau geboren, machte zunächst eine Ausbildung zum Technischen Zeichner und war ab 1960 Unteroffizier des Berliner Wachregiments Feliks Dzierzynski. In dieser Zeit hat er für Walter Ulbrich mit Pinsel und Farbe am Checkpoint Charlie den Verlauf der Mauer aufs Pflaster gemalt, später akribisch kartografiert und dokumentiert.
28 Jahre später, ab November 1989, hatte Koch wieder einen bedeutenden Dienstauftrag: jetzt sollte er die Mauer wieder abreissen. Koch war verantwortlich dafür.
Wie kein anderer kennt er vermutlich jeden Quadratzentimeter des antifaschistischen Schutzwalls. 1994 gründete er das Berliner Mauer-Archiv Hagen Koch.

Generalmajor a.D. Rolf Ocken

Nach dem 28. September 1990 wechselte der Eigentümer der Mauer. Die DDR war Geschichte, die Grenzanlagen gehörten jetzt der Bundesrepublik Deutschland. Der damalige Beauftragte für die Auflösung der ehemaligen Grenztruppen bekam im Oktober 1990 den Auftrag, 1.393 Kilometer Sperranlagen schnellstens zu räumen, die Berliner Mauer bis zum Dezember aus dem Stadtbild vollständig zu entfernen.
Zusätzlich erhielt Ocken die Order, alles Verwertbare weltweit zu vermarkten. Kaufanfragen lagen ja bereits vor, Kistenweise kamen neue hinzu und Ocken verkaufte, verkaufte, verkaufte…
Der Befehl wurde natürlich vollständig ausgeführt, die Mauer war termingerecht weg und der Verteidigungsetat mit den Verkaufserlösen um sechs Millionen DM aufgestockt. Demgegenüber standen allerdings Personal- und Maschinenkosten für die Demontage in Höhe von 170 Millionen DM.

Volker Pawlowski

Kaum war die Mauer auf, waren auch schon die Mauerspechte am Werk, mit Hammer und Meissel, später auch mit Bohrmaschine, Presslufthammer, um sich ihr Stück vom Grenzwall zu sichern. Ein paar ganz Findige gingen dazu über, kleine Brocken weiterzuverkaufen. Plötzlich war ein lukrativer Markt entstanden. Und dann kam Volker Pawlowski, kam mit einem Recyclinghof im Brandenburgischen schnell ins Geschäft, zerkleinerte ganze Segmente selbst, packte kleine Brocken in Tüten ab, klebte andere auf Karten, lieferte Urkunden dazu und avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Quasi-Monopolist in Sachen Mauer-Souvenir. Für Pawlowski war der Mauerfall ein persönliche Glücksfall, der Grund seines Aufstiegs vom Bauarbeiter zum gutverdienenden Unternehmer.

Winfried Prem

Der Weidener Abbruchunternehmer Winfried Prem erhielt Anfang 1990 den Auftrag seines Lebens: Abriss und Zerkleinerung von 200 Kilometern Mauer. Auftraggeber: Die Nationale Volksarmee der DDR.

Mit 20 Baggern und einer englischen Schreddermaschine rückte Prem mit seinen Leuten – zum Teil hatte er ehemalige Grenzsoldaten der NVA als Arbeiter angestellt – drei Jahre lang der Mauer rund um Berlin zu Leibe.

Anfänglich verfolgten Kamerateams aus aller Welt die Arbeiten. Staatsoberhäupter, Prominente sogar Prince Charles schüttelten ihm persönlich die Hand und bedankten sich für die Arbeit, die er mit seinen bis zu 70 Leuten leistete. Die NVA verlieh ihm den Titel eines Majors ehrenhalber. Mitte der 1990er Jahre war der Job erledigt. Die geschredderte Mauer, rund 180.000 Tonnen, wurde größtenteils im Straßenbau verwendet – als Unterlage für den heute dichtbefahrenen Berliner Ring.

Verkäufer

Was genau im November 1989 geschehen ist, werden Historiker gründlicher erforschen bzw. haben dies bereits getan. Jedenfalls waren vom plötzlichen Fall der Mauer viele überrascht. Ebenso von der schlagartig einsetzenden Nachfrage an Teilen der Grenzbefestigungsanlagen, insbesondere an der Mauer selbst.
Eilends wurden Anfragen zunächst an das DDR-Außenhandelsministerium weitergeleitet, an das KoKo-Imperium von Alexander Schalk-Golodkowski, dem Chef-Devisenbeschaffer. Dieser übertrug die Aufgabe einem westerfahrenen Bauunternehmen, seiner LIMEX-Bau, die sich fortan um das vermeintlich große Geschäft kümmerte.
Für das USA Geschäft fand man noch Ende 1989 mit der BCG einen verlässlichen Partner. Private Anfragen aus Europa und dem Rest der Welt wurden der eigens gegründeten Westberliner LeLé Berlin Wall Verkaufs- und Wirtschaftswerbung GmbH anvertraut. Das Große und Ganze und die Anfragen institutioneller Interessenten behielt sich die LIMEX vor.
Zeitgleich verkauften etliche am Abriss der Mauer beteiligte Unternehmen, der unverzüglich begann, auf eigene Rechnung Mauersegmente. In Nacht- und Nebelaktionen sind darüber hinaus einige Brocken einfach verschwunden…
Ab Oktober 1990 ging die Zuständigkeit auf die Bundesrepublik Deutschland über, das Bundesverteidigungsministerium war nunmehr verantwortlich, das die Bundeswehr mit dem Abriss beauftragt hatte. Entsprechende Anfragen wurden nach Bonn weitergeleitet, während der amerikanische Stadtkommandant die Interessen der USA vertrat.

Alexander Schalck Golodkowski

Der gebürtige Ostberliner war zu DDR-Zeiten Leiter des geheimen Bereichs Kommerzielle Koordinierung im Ministerium für Außenhandel, im Westen hauptsächlich unter dem dort ihm vergebenen Titel Chef-Devisenbeschaffer bekannt: schließlich fädelte er gemeinsam mit Franz-Josef Strauß einen Milliardenkredit ein, der Jahre vor dem Mauerfall die DDR vor dem Ruin bewahrte.
Im Januar 1990 zog Golodkowski an den Tegernsee und stellte ein Mauersegment dort auf sein Grundstück. In den folgenden Jahren sah sich Golodkowski wegen seiner zurückliegenden Tätigkeiten mit Strafverfahren konfrontiert. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Helge Möbius, VEB LIMEX

Da die Berliner Mauer schlagartig zum wertvollen Wirtschaftsgut avancierte, setzte die DDR-Regierung alles daran, ein möglichst gutes Geschäft damit zu machen. Ost-Berlins staatliches Handelsunternehmen VEB LIMEX war fortan für den Ausverkauf des antifaschistischen Schutzwalls zuständig, Helge Möbius ihr Leiter. Einige DDR-Stellen schätzen den Verkaufserlös auf acht Milliarden Mark, der in die Kultur und das Gesundheitssystem der DDR fließen sollte.
Beflügelt wurde diese Phantasie durch die angebliche Offerte von Barry Stappler, Geschäftsmann in Encino, Kalifornien, der das ganze Bauwerk für 50 Millionen Dollar kaufen wollte. Möbius selbst geht Anfang 1990, anlässlich einer Reise in die USA zu Verkaufsgesprächen, von Preisen zwischen 25.000 und 35.000 Mark je Segment aus. Abhängig von Standort und Graffiti. Segmente an denen Menschen erschossen worden sind, schließt er explizit vom Verkauf aus. Die VEB LIMEX war ein Unternehmen des KoKo-Imperiums von Schalk-Golodkowski und verkaufte bis zum Ende ihrer Geschäftstätigkeit 360 Segmente mit Echtheitszertifikat. Ursprungsorte: Potsdamer Platz, Brandenburger Tor (im November/Dezember 1989 abgebaut), Waldemar-, Luckauerstraße (im Januar 1990 abgebaut), Märkisches Viertel (im April 1990 abgebaut). Die Graffiti darauf stammen aus den Jahren 1983-1989.

The Berlin Wall Commemorative Group (BCG)

Hinter der BCG steckt Joseph Sciamarelli, Geschäftsmann aus New Jersey. Fasziniert von den Vorgängen im fernen Europa, bat er Freunde in Berlin, ihm Mauerbrocken zu schicken. Diese Souvenirs stießen an der US Ostküste auf so großes Interesse, dass er schon bald die Idee fasste, ganze Segmente in die Staaten zu holen. Ursprünglich wollte die BCG sogar alle amerikanischen Städte Namens Berlin mit einem Mauersegment ausstatten.
Um den Markt anzukurbeln, wurden im Januar 1990 die ersten zwei Segmente nach New York geholt, auf dem Museumsflugzeugträger USS Intrepid mit großem Medienrummel publikumswirksam inszeniert. Aus Deutschland reisten an: der Künstler Peter Max, der mit seinen Leuten die PR übernahm und natürlich der LIMEX-Chef Helge Möbius sowie der Abrissverantwortliche Hagen Koch.
Die Idee ging auf und die BCG konzentrierte sich fortan darauf, als exklusiver Partner der VEB LIMEX für den amerikanischen Markt, Museen, Galerien, Universitäten, private Sammler und Expräsidenten als Käufer zu gewinnen.
Jahre später macht sich bei Sciamarelli Ernüchterung breit: Finanziell sei das Engagement nicht der große Gewinn gewesen, wohl aber in Sachen Lebenserfahrung.

Klaus Grunske

Grunske ist Betreiber eines Recyclinghofes in Oranienburg und war 1990 mit dem Abriss des nördlichen Teils der Mauer beauftragt. Etliche Segmente stehen noch auf seinem Betriebsgelände. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen, die noch über Mauersegmente verfügen, macht er damit kein Geschäft, sondern stellt sie für öffentliche Zwecke kostenlos zur Verfügung, Transport und Aufstellung müssen allerdings bezahlt werden.

Generalmajor Raymond D. Haddock

Haddock war als Kommandant des amerikanischen Sektors von 1988 bis 1990 einer von vier Stadtkommandanten in Berlin. Haddock setzte sich dafür ein, dass drei Mauersegmente nach Fort Knox abtransportiert und im General George Patton Museum aufgestellt werden. Als Stadtkommandant zur Wendezeit saß Haddock natürlich an der Quelle und schenkte auch dem US Präsidenten Ronald Reagan drei Mauersegmente, die dieser in Fort Leavenworth aufstellen ließ.

Käufer

LIMEX_Zertifikat

Fürstin Jaguba Rizzoli

Die Witwe des italienischen Verlegers und Filmproduzenten Angelo Rizzoli (arbeitete u.a. mit Fellini; Mitglied der verbotenen Loge P2) gehörte zu den prominenten Besuchern der Auktion in Monte Carlo 1990. Dort erstand sie ein Mauersegment, das sie auf ihrem Anwesen in französischen Cap Ferrat aufstellen lies.
Zur Rizzoli International Publication, die heute im Besitz der RCS Media Group ist, gehört u.a. die Tageszeitung Corriere della Sera.

Ljiljiana Hennessy

Das Cognac-Imperium muss man nicht weiter erklären. Die Marke ist seit 1765 bekannt, Ljjiljana eine Erbin. 1990 in Monte Carlo ersteigerte die einstige jugoslawische Schauspielerin ein Mauersegment – nach eigenen Angaben aus sentimentalen Gründen – für den Park ihres Familienanwesens.

Hans-Olaf Henkel

Ein anderer, der den Zusammenbruch des politischen Systems in Osteuropa als Chance begreift und den Neuanfang aktiv mitgestaltet – zugleich getrieben von persönlichen Motiven –, ist Hans Olaf Henkel: zur Zeit der Maueröffnung Manager von IBM, Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und kurz darauf Berater der DDR-Übergangsregierung und Verwaltungsrat der Treuhand.
Die von ihm aufgestellten Mauersegmente auf seinem Landsitz in Frankreich und an diversen Standorten der IBM erzählen eine Liebesgeschichte, der sich die Mauer unüberwindbar in den Weg gestellt hat. Sie erzählen eine komische Geschichte vom Transport nach Frankreich und den Reaktionen dort. Und sie erzählen vor allem eine spannende Geschichte über die Zeit des politischen Umbruchs. Für diese Geschichten, so interessant sie sein mögen, ist hier aber nicht Raum. Sie sind an anderer Stelle besser erzählt.

Virgilio Casimiro Ferreira

Aus dem Ort, an dem die heilige Jungfrau Maria einigen Hirten erschienen ist, ist eine bedeutende Pilgerstätte geworden: Fatima. Aus den Prophezeiungen, die erst Jahre später schriftlich festgehalten, von der katholischen Kirche anerkannt und schließlich veröffentlicht wurden, ist die hier wohl bedeutendste die, die ein Ende des kommunistischen Systems vorhersieht. Virgilio Ferreira, ein in Deutschland lebender Portugiese, zeigte sich davon zutiefst beeindruckt: als Beleg der Wahrhaftigkeit schenkte er Anfang der 1990erJahre dem Wallfahrtsort ein Mauersegment, ein Symbol des kollabierten Kommunismus.
Zum Schutz vor Wind und Wetter überdacht und hinter Glas gestellt, vom Papst geweiht und viel beachtet, steht ein Teil der Berliner Mauer nun in ganz anderer Funktion, als Beleg für die Wahrhaftigkeit einer Prophezeiung in diesem Sanktuarium.

Lord Peter Palumbo

Peter Garth Palumbo, Lord Palumbo, ist Bauträger, Kunstsammler, Architekturliebhaber, Abgeordneter im House of Lords, war Treuhänder der Tate-, der Whitechapel-Gallery und des National History Museums, Vorsitzender der Serpentine Gallery und des Arts Council of Great Britain, spielte Polo im Team mit Prince Charles und besitzt das von Mies van der Rohe entworfene Farnsworth House in Illinois, eines der letzten von Frank Lloyd Wright entworfenen Häuser in Pennsylvania und besaß zueitweilig das Maison Jaoul von Le Corbusiers in der Nähe von Paris. Zu den Mauersegmenten kam Lord Palumbo 1994 bei einer Auktion in London.

Robert Hefner III.

Gründer und Eigentümer der GHK Company, einer Öl- und Gasfirma in Oklahoma. Daneben ist er an zeitgenössischer chinesischer Kunst interessiert und unterhält mit seiner Frau die weltbekannte Hefner Collection.
Von den Ereignissen 1989 in Europa tief beeindruckt, entsandte er seinen Kurator mit dem Auftrag nach Berlin, möglichst viel von der Mauer zu kaufen. Das Ergebnis waren vier Segmente mit dem Graffito Kings of Freedom von Dennis Kaun aka Kaos.
Der Verkauf wurde über die LIMEX und deren Beauftragte für Amerika, die Berlin Wall Commemorative Group abgewickelt. Die Segmente wurden zunächst in Oklahoma ausgestellt, anschließend möglicherweise in Aspen. Als Hefner mit seiner Frau nach Singapur zog, nahm er die Segmente natürlich mit. Die Stadtverwaltung in Singapur hatte eigens einen öffentlichen Platz dafür zur Verfügung gestellt.
Im Ruhestand zog sich Hefner 2014 auf sein Weingut in Virginia zurück. Die Mauersegmente kamen wieder zurück in die USA. Diesmal stellte er sie der seinem Weingut nahegelegenen Virginia State University zur Verfügung.

Marco Piccininni

Der 1952 in Rom geborene Marco Piccininni zog mit seiner Familie in den 60er Jahren nach Monaco und war nach seinem Architekturstudium gleichsam vom Bankwesen und dem Motorsport begeistert: Er war Bankdirektor und Gründungsmitglied einer monegassischen Rennwagenmanufaktur. Seine Leidenschaft für die PS-starken Boliden brachte ihn in unterschiedlichen Funktionen später zu Ferrari. Piccininni war Vizepräsident der FIA, Präsident des italienischen Automobilverbandes, zeitweilig Finanzminister in Monaco, monegassischer Botschafter in China und Indien.
Auf der ersten Auktion der Mauersegmente in Monaco ersteigerte Piccininni ein Segment, das er unmittelbar darauf Papst Johannes Paul II. zum Geschenk machte und das heute am Rand der vatikanischen Gärten ausgestellt ist.

Axel Caesar Springer

Als in Berlin die Mauer gebaut wurde, stellte Axel Springer (1912 – 1985) sein Redaktionsgebäude demonstrativ in die unmittelbare Nähe, in die Kochstraße, um optisch mit dem anderen Teil der Stadt in Kontakt zu bleiben. Gegen alle Widerstände hielt er Zeit seines Lebens an seinem Traum von der Einheit Deutschlands fest.

Im Gedenken daran erwarb der Axel Springer Verlag 33 Mauersegmente und schenkte 2009 jedem Bundesland eines, als „Symbol für die Kraft von Freiheit und Selbstbestimmung aber auch als Mahnmal für deren immerwährende Gefährdung“, so Kai Diekmann, Chefredakteur der im Axel Springer Verlag erscheinenden BILD Zeitung.

LPG Pflanzenproduktion Breesen

Die ab 1976 für den Bau der Berliner Mauer verwendeten und heute weltweit aufgestellten Segmente wurden ursprünglich als Stützwandelemente für die Landwirtschaft entwickelt. Sie sollten als Befestigung für Futtersilos dienen. Nach dem Fall der Mauer gab es zahlreiche Abnehmer einzelner aber auch größerer Posten der Grenzbefestigungsanlage. Ein Abnehmer war die LPG Pflanzenproduktion Breesen, die rund 200 Segmente jetzt ihrem eigentlichen Zweck zuführte: als Stützwandelemente für Futtersilos.

Klaus Knabe, Museum gegen das Vergessen

Klaus Knabe wurde 1939 in Pohrsdorf bei Dresden und als Sohn eines engagierten Mitgliedes der Bekennenden Kirche christlich erzogen. Sein Vater musste unter den Nationalsozialisten aufgrund seines Glaubens ins Gefängnis, durfte danach seinen Beruf nicht mehr ausüben. Später kam er in sowjetische Gefangenschaft und verhungerte dort nach Kriegsende.

Für Klaus Knabe hat sich ein Teil der Geschichte wiederholt: Knabe wurde wegen seines Glaubens und seiner Überzeugungen aus der Nationalen Volksarmee entlassen. Ein Studium wurde ihm verwehrt und auch im sonstigen Leben etliche Steine in den Weg gelegt. Kurz vor dem Mauerbau war es dann genug, Klaus Knabe verließ seine sächsische Heimat und zog nach Pforzheim. Als er Jahre später wieder in die DDR einreisen durfte, unterstützte er Freunde und Verwandte, zeigte sich als engagierter Demokrat, vom Prinzip des Rechtsstaats überzeugt.
Nach dem Mauerfall begann Knabe, mit Unterstützung eben dieser Freunde, Belege dafür zu sammeln, wie die Diktatur und der Unrechtsstaat den Alltag der Menschen geprägt haben. Entstanden ist daraus in Pforzheim der Verein Gegen das Vergessen und ein einzigartiges und vielbeachtetes Museum vor dem natürlich ein Mauersegment steht.

Manuel Romero

Romero, spanischer Abstammung und im geteilten Deutschland aufgewachsen, arbeitete zur Zeit des Mauerfalls als Journalist. Am 9. November 1989 traf er nachmittags in Budapest bei einem Pressegespräch den spanischen Regierungschef Felipe Gonzalez. Auf die Frage wie lange die Mauer sich noch halten kann, antwortete Gonzales, dass die aktuelle Entwicklung ein langwieriger Prozess sei, der sich noch Jahre hinziehen werde. Am Abend fiel die Berliner Mauer.
Am frühen Morgen des nächsten Tages eilten Gonzales, Romero und andere Pressebegleiter von der Entwicklung überwältigt und außerplanmäßig nach Berlin. Etwa ein halbes Jahr später wechselte Romero beruflich die Seite und entwickelte als PR-Experte ungewöhnliche Marketing-Maßnahmen. So war er u.a. an der Aufstellung der Segmente im Madrider Parque de Berlin beteiligt sowie an dem Denkmal an der Autobahnraststätte Zuasti in der autonomen Region Navarra. Auch die Idee des Tribuna Magazins, ihren Lesern Mauerstücke anzubieten, um damit Aufmerksamkeit zu erzielen und schließlich die Auflage zu steigern, stammt von ihm.

Foto:
© by „BrandenburgerTorDezember1989“ von SSGT F. Lee Corkran – DoD photo, USA. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

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